Frauen-Power, Männer-Wahn
Der Meininger «Ring» von Mielitz und Hrdlicka
Ein Zeichen wollte sie setzen in der allgemeinen Theater- und
Spardiskussion. Klar sei ihr gewesen, sagt die Intendantin, dass das
Meininger Haus «sehr schnell» ein Projekt brauche, mit dem es «seine
Kräfte, seine Potenzen, aber auch seine Grenzen zeigen» konnte. Und
unschwer war das zu finden «in der Historie Meiningens». Der
berühmte Theaterherzog Georg II., der mit seinen
Shakespeare-Aufführungen ab 1874 ganz Deutschland und später sogar
Europa in einen Begeisterungstaumel stürzte, war für Christine
Mielitz «ein arbeitswütiger Wahnsinniger». Zwar hatte er für sein
Theater die Oper abgeschafft und konzentrierte sich ganz auf seine
Schauspiel-Musteraufführungen. Mit seiner Kapelle half er aber auch
Richard Wagner bei seinen Vorbereitungen für den Bayreuther «Ring»
1876; den Kontakt hatte die mit der Frau des Herzogs befreundete
Cosima gestiftet. Der Herzog habe sich mit Leuten umgeben, die, so
Mielitz, «ebenso besessen waren» wie er - etwa Hans von Bülow, der
dann auch die Meininger Kapelle auf Hochglanz polierte. Dass Bülow
«eine gewisse Armut als ganz wichtig für die Kunst», als «grossen
Konzentrationsfaktor» gesehen habe, imponiert Mielitz. Das ist «sehr
deutsch», fügt sie hinzu, «Disziplin üben, nicht zu reich sein».
Bald nach ihrem Amtsantritt als Intendantin in Meiningen vor zwei
Jahren begann sie mit dem, was selbst einem «König Richard» nicht
vergönnt, aber sein Wunschtraum gewesen war: Den«Ring» an vier Tagen
hintereinander zur Premiere zu bringen. Damals in Bayreuth musste
wegen der Erkrankung eines Sängers der erste Zyklus nach der
«Walküre» für einen Tag unterbrochen werden, lediglich der zweite
1876erZyklus lief am Stück. Dass die Meininger
Generalmusikdirektorin Marie-Jeanne Dufour, die ingeduldiger
Aufbauarbeit das Orchester an grössere Aufgaben wie etwa
Bruckner-Sinfonien oder die klassische Moderne herangeführt hatte,
derlei dennoch für grössenwahnsinnig hielt und den Dienst
quittierte, focht Mielitz nicht an. In dem jungen Kirill Petrenko
fand sie einen Nachfolger, der sich mit Feuereifer in die Arbeit
stürzte. Mit seinem von Detailbesessenheit und nimmermüdem Furor bei
grösster Bescheidenheit geprägten «Ring»-Dirigat bewies er, welche
Potenzen in ihm stecken.
Als einziger der ausführenden Künstler hatte er den Wagner-Wahn
und die Energie, die vollen vier Tage von Karfreitag bis Ostermontag
durchzustehen. Sogar ein zweites Orchester musste engagiert,
vorbereitet und mit Sponsorengeldern finanziert werden. Die
«Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl» sass bei «Siegfried» und dem
ersten Akt «Götterdämmerung» im 70 Musiker fassenden Graben, die
übrigen Teile spielte das hauseigene Orchester. Und beide
Klangkörper wuchsen gleichsam mit der Aufgabe, auch wenn man bei den
Feuermusiken anfangs bei den Streichern anfangs noch die alten
Schwächen des Theater- Orchesters merkte. Weitgehend fragmentiert
waren auch die Sänger-Rollen. Dabei konnten zweiDrittel der Partien
mit hauseigenen Kräften besetzt werden, meist in Rollendébuts. Die
Proben,eine logistische Meisterleistung, liefen seit eineinhalb
Jahren neben dem normalen Premieren- und Spielbetrieb in abgelegenen
Räumen. Ab Beginn diesen Jahres musste das Geprobte dann «aufgetaut»
und im März technisch einrichtet werden. Nur an Wochenenden war das
Haus noch für das Publikum offen.
Dass mit der Gewinnung von Alfred Hrdlicka als Bühnenbildner für
diesen «Ring des Nibelungen» ein zusätzliches Spannungsmoment
erzeugt wurde, war zu erwarten. Mit Wagner verbindet Hrdlicka eine
Art Hassliebe. Als Statist an der Wiener Staatsoper hat er während
der Nazizeit die «Götterdämmerung» kennen gelernt. Er habe «so
Scheite hineingeworfen» für die Verbrennung Brünnhildes, erinnert er
sich. Die «Götterdämmerung» war die letzte Aufführung vor der
Zerstörung der Staatsoper und für ihn, obwohl er schonzum
Kriegsdienst abkommandiert war, «ein unheimliches Symbol». Auch bei
anderen Wagner- Opern hat er «statiert», wie er sagt, erzogen in dem
Glauben, dass Wagner «der grösste deutsche Singspieldichter» und die
«Meistersinger» das «grösste deutsche Singspiel» seien. Aber eine
«ungeheure Aversion» sei da in ihm gewachsen gegen diese
«unheimlichen Phrasen, die in der Nazizeit über Wagner hergefallen
sind». Und auch wenn diese gerade durch die Meininger Arbeit
relativiert wurden, gebe es «eine Grundhaltung, die mit der halben
Kindheit herkommt», sagt er.
Für die Regisseurin Christine Mielitz war dies denn auch «die
vielleicht grösste Spannung im positiven Sinn» gewesen. Ihr leuchte
völlig ein, dass ein Mensch, «der erlebt hat, wie eine ganze
Generation den blonden Übermenschen Siegfried hat über sich ergehen
lassen müssen», diesen «nicht menschlich» sehen könne. Gerade das
habe ihr aber die Kraft gegeben, jene anderen Siegfried zu zeigen,
der «den Waldvogel hört und für den Wagner den Trauermarsch
schreibt, weil zwar der Verräter, der Faschist, der Titan stirbt,
aber auch ein Teil Mensch, der nie gelebt hat: Ein ganz zartes
Wesen, der das Schwert nie wollte und der eine Sehnsucht erweckt
nach einer Eigenschaft, die wir leben könnten, aber nicht leben»,
ein Symbol für einen «fernen Klang». In Mielitz' Inszenierung stehen
vor allem die Rheintöchter für diesen Aspekt. Wie ein optisches
Leitmotiv (in Schwarz-Rot-Gold) ziehen sie sich durch die ganze
Produktion.
Auch die Grundkonstellation des «Rheingold» tönt das Thema an,
ausgehend von Wagners Biographie. So wird Wotan gezeigt in
Wagner-Maskeals Revolutionär der reinen Lehre auf einer klinisch
weissen Dresdner Barrikade. Als Riese Fafner kehrt er wieder, der
den Konkurrenten Fasolt, alias König Ludwig II., erschlägt. Beide
Figuren tummeln sich als bühnenfüllende Überpuppen herum - kaum mehr
freilich als ein «Aha»-Effekt. Und der Totenkopf Ludwigs ziert dann
auch die immer weiter zur Erinnerung schrumpfende Barrikade in der
«Walküre», während Siegfried mit der Tötung Fafners sich wandelt vom
naturhaften Wälsungenspross mit langen roten Walküren- Haaren zum
geschniegelten, angepassten Übermenschen im weissen Wagner-Dress.
Brünnhildes Bett auf dem Walkürenfelsen ist die minimierteste
Mini-Ausgabe jener Revolutions-Rune und gleicht dem
gefrierschrankartigen Endlager der den Neuanfang beschwörenden
Erda.
Wenn in der «Götterdämmerung» Brünnhilde ihre Schlussansprache
hält, ist der Held jedenfalls schon nicht mehr vorhanden. Mit seiner
wieder erwachenden Erinnerung an Brünnhilde nach Hagens tödlichem
Stoss tritt er aus der Geschichte ab. Hagens Mannen bringen nur
eineleere Bahre mit Siegfrieds weissem Wagner-Mantel und dem
blutroten rechten Ärmel nach Hause, dazu auf einem schwarzen
Samtkissen den Ring. Von der «Schwester» Gutrune verabschiedet sich
Brünnhilde mit einer Umarmung. In ihrem Schlussgesang hält sie inne,
rezitiert eine der vielen von Wagner entworfenen und dann
verworfenen Text-Varianten. Dann wickelt sie sichins
schwarz-rot-goldene Fahnentuch und verschwindet unter viel (nicht
ganz geglücktem)Feuerzauber in einer Bodenluke. Auch die massige
«Siegfried»-Skulptur, die die Bühnenhandlung der «Götterdämmerung»
auf der Drehscheibe begleitet hat, ist mit Siegfrieds Tod
verschwunden. Zurück bleibt das staunende Volk. Durch viele
transparente Bühnenvorhänge mit der futuristischen
Megalopolis-Ansicht, die den ganzen «Ring» als weiteres optisches
Zeichen begleitet hat, wird es in Scheiben segmentiert. Nur Hagen
wacht, Alberichs Statthalter im Penner- Look, Überlebender der
abgewickelten Arbeiterklasse.
Manche einleuchtende Details zeichnen Mielitz' Regiearbeit aus,
etwa dass Wotan sich am Ende der «Walküre» nicht nur von Brünnhilde
verabschieden muss, sondern auch von Siegmund, den er mit auf dem
Gewissen hat. Auch die Nibelungen im «Rheingold», kleine schwarze
Ballonmützen-Männchen in Hockestellung mit Hämmern, sind eine
hübsche Idee - die pfiffige Weiterentwicklung eines Ansatzes von
Ruth Berghaus in ihrem ersten Berliner «Rheingold». Vieles aber
wirkt auch aufgesetzt, zumal im «Siegfried»- Teil; als Bühnenaufbau
dienen da zwei Wände, die, als Mimes Käfig für Jung-Siegfried,
sowohl Zwangsjacke wie Blasebalg assoziieren, zugleich auch die von
tarnkappenbehelmten Soldaten bewachte Neidhöhle. Eher bemüht wirken
auch viele Bildlösungen der «Götterdämmerung», etwa die
Doppelhochzeit in Goldlamé (Kostüme: Christian Rinke). Immerhin
«arbeitsparend» sind die vielen Riesenpuppen im «Rheingold»; auch
die Rheintöchter irrlichtern als vielbrüstige Puppen-Vetteln durch
die Szene wie präkolumbianische Gold-Totems.
Das Publikum feierte am Ende jeweils stürmisch die Sänger:
Meisterlich insbesondere der über fast unendliche Reserven
verfügende Wotan in «Rheingold» und «Walküre», Franz Hawlata, eine
stimmliche wie darstellerische Spitzenbesetzung, oder der kraftvolle
Siegmund des Franz van Aken, der Siegfried von Jürgen Müller, die
Schwarzalben Alberich und Hagen von Nanco de Vries und André Eckert,
vor allem aber Lisa Gasteen als die Brünnhilde der
«Götterdämmerung». Am meisten und zu Recht umjubelt wurde der
Dirigent Kirill Petrenko. Christine Mielitz durfte sich freuen, ihre
Rechnung ging auf. Dass Hrdlicka, dem in der Stadt parallel auch
drei Ausstellungen gewidmet waren, bei jedem Erscheinen mit Buhrufen
empfangen wurde, die er jeweils mit sozialistischer Arbeiterfaust
erwiderte, galt wohl weniger seinen eher statischen Bühnenbauten als
seiner Person. Imponierend jedenfalls, dass und wie dieses ganze
Theater mit seiner noch dreimal wiederholten Produktion
auftrumpfte.
Georg-Friedrich Kühn