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Schwarz-rot-gold wie die LiebeIn Meiningen ist Wagners "Ring des Nibelungen" an vier einander folgenden Tagen auf eine Bühne gestellt worden - zum ersten Mal wohl seit 1876. Eine Erfahrung, die man gemacht haben muss.Das Bühnenportal des Meininger Theaters ist neun Meter breit; vier, fünf beherzte Schritte genügen, und ein Sänger steht im Mittelpunkt. Obwohl das Meininger Theater in seiner gloriosen Geschichte einmal auch für seine Kulissen berühmt gewesen ist, kann man sagen, auf die Kulissen kommt es nicht an. Denn die Bühne ist klein. Zwei, drei Sänger, die handeln, und der Blick des Zuschauers ist vollkommen beschäftigt. In Wagners "Ring des Nibelungen", den das südthüringische Landestheater in einer Kraftleistung vier Tage lang auf diese Bühne gestellt hat, sind es vor allem Götter und Geister, von denen die Sänger handeln. Sie erscheinen in Menschengestalt, und das Menschliche tritt umso stärker und eindrücklicher hervor, als die Darsteller ihrem Publikum in dem kleinen Theater nahe kommen. Es wird gesungen, gespielt und geschwitzt, und wie da gesungen, gespielt und geschwitzt wird, wie sich die Sänger im Ausdrücken anstrengen, ist fast zu greifen. Christine Mielitz, die Intendantin des Hauses und Regisseurin des Vier-Opern-"Ring", kennt diesen Vorzug ihres Meininger Theaters. Und wenn die Welt der Bühne und die Welt des Publikums so nah schon zusammenliegen, so dicht sich berühren, so hat sie wohl gedacht, dann soll die Grenze auch durchbrochen werden, das will ja Wagners Kunst. Der Waldvogel, der im "Siegfried" dem Helden den Weg weist, singt aus der Mittelloge heraus, in der auch Dagmar Schipanski sitzt, die Kunstministerin Thüringens, die an Stelle von Johannes Rau einmal hätte Bundespräsidentin werden können, und die am Karfreitag die nun zehnte "Meininger Theaterwoche" mit sehr anständigen und anerkennenden Worten eröffnet hatte. Eine der drei Schicksalsgöttinen, die in der "Götterdämmerung" nicht mehr wissen, wie es weitergeht mit der Welt, wird am letzten Abend links vom Rang heruntersingen. Siegfried und Brünnhilde, die sich am Ende des dritten Abends gefunden haben, streben über die Vorbühne stark den Zuschauerreihen zu. Würden sie sich nur für ein Leben als bürgerliches Paar entscheiden! Aber Siegfried zieht es in die Bühnenhelden-Welt, wo er scheitern muss. In der "Götterdämmerung" wird er von Hagen hingemeuchelt, aus Hab- und Machtgier, und wenigstens dann verlässt er die Bühne über den Weg durchs Parkett, um im Foyer, in dem noch immer das rote DDR-Linoleum liegt, vielleicht ein besseres Leben zu gewinnen. "Wandel und Wechsel liebt wer lebt", sagt Wotan lächelnd, so Wagner, im "Rheingold" zu seiner Frau. In Meiningen ist ganz entschieden und entschieden verzweifelt der Wandel zum Besseren hin gemeint, Wagner wird als deutscher Revolutionär vorgestellt, der sich im Revolutionsjahr 1849 für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verwendet. Wagners Geister und Götter in diesem "Ring" treten für etwas ein: für ein Ideal, für eine gesellschaftliche Ordnung zunächst, wie Christine Mielitz ihrem Publikum erklärt, "mit der wir uns, glaube ich, alle identifizieren können". Die Aufführung referiert dieses Eintreten nicht einfach. Sie verklärt es nicht, sie spielt es nicht als ästhetisches Spiel, und schon gar nicht wird sie ironisch: Sie setzt sich selber ein, und neben der Kunstanstrengung ist es vor allem das, was die Darsteller so menschlich erscheinen lässt.Die Redensart, das kleine und nicht reiche Theater habe in zweijähriger Arbeit seine Reserven mobilisiert, um den "Ring" in Wagners Idealform aufzuführen, als leibhaftige Opern-Welt, die an vier aufeinander folgenden Tagen an die Stelle des bürgerlichen Alltags treten solle, klingt vermutlich noch immer zu glatt, um den Ernst des Einsatzes auszudrücken: "Die Arbeit ist das Einzige, was das Leben lebenswert macht", hat Max Reger gesagt, einer der berühmten Meininger Orchesterchefs, dessen Andenken die Stadt noch heute pflegt. Und nun hat das Meininger Theater, mitten in seiner bürgerlichen Welt, durch das Bürgerlichste, was es gibt, durch Arbeit versucht, vom Ideal einmal in Kunstform zu handeln. Zwei Jahre lang wurde, in Etappen, geprobt. Was einmal erreicht war, wurde anschließend, so Christine Mielitz, "tiefgefroren wie ein Fischstäbchen". Weil das Meininger Orchester allein die Aufgabe nicht bewältigen konnte, wurde noch ein zweites engagiert: Die von der Abschaffung bedrohte, nach einem Hungerstreik der Suhler Musiker neu gebildete Philharmonie Gotha-Suhl übernahm den "Siegfried" und den ersten Aufzug der "Götterdämmerung". "Das Rheingold", "Die Walküre" und den großen Rest der "Götterdämmerung" spielte das Meininger Opernorchester selbst, allerdings in einer im Vergleich zu Wagners Partitur reduzierten Besetzung. Erst in den Wochen vor der Premiere wurden die vier Opern-Abende mit ihren insgesamt rund 16 Stunden Musik zusammengesetzt. Das Ensemble hat geschuftet, wie man sich vorstellen kann, die Arbeitszeiten für Musiker und Bühnentechniker lagen, so beschreibt es die Intendantin, "an der Grenze der Illegalität". Aber hier war es nun einmal die Aufgabe, die den Einsatz bestimmte, nicht der Bühnentarifvertrag. Es sei ganz unglaublich, sagt Christine Mielitz, die an vielen Häusern inszeniert hat und den Betrieb kennt, "welches Komfortdenken in Deutschland herrscht". Nur sei das Theater nicht mehr in der komfortablen Lage, einfach nur Theater spielen zu können, "weil draußen Theater draufsteht". Das Theater müsse der Öffentlichkeit "Beweise anbringen", dass es zu großen und für sie bedeutenden Leistungen in der Lage sei. Bestimmt nicht zufällig ist in Meiningen immer wieder von Berlin die Rede. Gespart werden muss an beiden Orten, auch in Thüringen liegt das Geld nicht auf der Straße. Aber der Ton, in dem die Politik über die Oper verhandelt, sei in Thüringen doch entschieden ernsthafter als in Berlin. Zwölf Prozent ihres Haushalts gibt die Stadt Meiningen für Kultur aus; in Berlin sind es knapp zwei. Das Theater mit den Sparten Schauspiel, Oper, Tanz und Puppenspiel ist der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt mit rund 25 000 Einwohnern. Man redet von Provinz und meint doch: Einsatz. Der Einsatz bringt es mit sich, dass einige Grenzen verschwimmen. Geht es um ideale Inhalte in Wagners "Ring", oder ist für uns das Kunstwerk bereits das Ideal, das in harter gemeinschaftlicher Arbeit verwirklicht werden soll? Sind es Götter, die vorgestellt werden, oder geht die Kraft der Identifikation so weit, dass die Darsteller nur noch unsere eigenen Fragen auf der Bühne verhandeln? So sehr geht die Meininger Inszenierung im Prozess ihrer Verwirklichung auf, so sehr sind die Mitwirkenden im Ausführen befangen, dass eine Deutung des Werks unabhängig von der Anstrengung nicht mehr existiert. Wotan erscheint kaum mehr als Gott: Es ist Richard Wagner selbst, der im "Rheingold" mit seiner Familie auf die Barrikade tritt. Wagner, nicht der Gott, unternimmt es, Welt und Gesellschaft neu zu ordnen. Die Barrikade ihrerseits ist frei von Blut und Ruß. Sie ist weiß wie Gips, und gipsern, im Moment der Veränderung schon im Wunsch nach Klassizität und Verehrung erstarrt, erscheinen auch ihre Bewohner - Wagner mit der Wagner-Mütze, und Freia, Wotans Frau, in Gestalt der ruhmbewussten Gattin Cosima. Donner und Froh, die Haushaltsgötter, stehen daneben im gipsernen Kleid des Feldherrn und des Dichters, Hammer und Sichel in der Hand. Die zwei Riesen kommen, die Wotan einen repräsentativen Wohnsitz, die Feste Walhall gebaut haben, und verlangen ihr Honorar, und Wagner tritt noch einmal auf und steht sich selbst gegenüber. Er ist Fafner, und erst plündert er den Barrikaden-Wotan aus, den Mann des Gesellschaftsvertrags, dann erschlägt er seinen Compagnon Fasolt, der in Gestalt des Bayernkönigs Ludwig erscheint, aus Gier nach dem Gold. Nun ja, sagt das Regieteam, es muss ja einer erschlagen werden in dieser Szene, und da war es uns lieber, der Bayernkönig stirbt und Wagner lebt weiter. Folgerichtig taucht Wagner, der Riese, noch einmal auf, im "Siegfried", wo er als Riesenwurm in der Neidhöhle seinen der Natur geraubten Schatz bewacht. "Ich lieg und besitz", heißt es im Libretto. Da sieht man den Künstler arriviert auf dem Bayreuther Grünen Hügel, und wer an den Schatz will, muss ihn erschlagen. "Die Sternstunde eines Themas ist die Bildhauerei", sagte einmal Alfred Hrdlicka, der mit der Hilfe von Jan Schneider das Bühnenbild des Meininger "Ring" gebaut hat. Was die Meininger Wagner-Deutung anbelangt, ist das sicher übertrieben, das Systematische, das man mit dem Begriff des Themas gerne verbindet, spielt in Hrdlickas Ausstattung kaum eine Rolle. Der Bildhauer hat einige Zeichen gesetzt, starke, drastische Zeichen gewiss, in diskontinuierlicher Folge. Der Eros ist eine Kraft, offenkundig schon in den Frauenfiguren, die zum Auftritt der Rheintöchter wie archaische Fruchtbarkeitssymbole vom Schnürboden schweben. Der Eros treibt die Figuren auf der Bühne an, und wo er sich nicht entfalten kann, so darf man Hrdlicka verstehen, machen sich Unterdrückung und Machtgier breit. Schon in der Frage nach Gesellschaftsideal und eigener Privilegierung hat Hrdlicka Wagner misstraut, deshalb lässt er ihn in Form des gierigen Riesen sich selbst begegnen. Auch in der Frage nach Eros und Herrschaft bleibt er brutal reserviert. In der "Walküre" ist Wotans Schwert nicht in einen Baumstamm gerammt, wie es bei Wagner steht, sondern in den kopfüber gestürzten Torso des "geschändeten Menschen". In der Szene der gefallenen Helden wird dieser Torso in bald dreißigfacher Ausfertigung zu der scheußlich dröhnenden Walküren-Musik an Fleischerhaken hereingefahren. Kritik an Wagner und an der Geschichte der Wagnerverehrung übt am Ende auch die Monumentalfigur des Helden mit Schwert, die nach dem "Siegfried" die Szene beherrscht. Die Nibelungensage sei von den Nazis "ungeheuer ausgeschlachtet" worden, sagt Hrdlicka, der es in seiner Kindheit hat erfahren müssen; ob sein schwarzes Schwerthelden-Monument nun mehr einem sozialistischen oder mehr einem nationalsozialistischen Realismus zuneige, ist schwer zu sagen. Neu gefunden, systematisch gedeutet ist in der Meininger Inszenierung vermutlich nicht sehr viel. Was aber vorgestellt wird, nimmt man den Darstellern meist gerne ab. Die Rheintöchter stehen in den Farben Schwarz-Rot-Gold für die Liebe und für ein Gemeinwesen, das auf Menschenliebe gegründet ist; zeichenhaft tauchen sie immer wieder auf der Bühne auf. Simple Idee - doch am Ende der "Götterdämmerung" erscheinen sie in einem ganz und gar gesellschaftlichen Goldglanz selbst wie korrumpiert, da mag der Zuschauer noch einmal mit sich reden lassen. Auch die schwere Überwältigungsrhetorik, die Christine Mielitz auf der Bühne auffährt - lastende Finsternis, wallender Nebel, gemeingefährliche Feuerwerke - lässt man sich allenfalls gefallen als Ausdruck des Vertrauens in einen Menschen, der sich wenigstens noch erschüttern und überwältigen lässt. Es mag schon sein, dass die Überwältigungsrhetorik in der Kunst ebenso am Veralten ist wie das Bild des Menschen, der leidet und die Verhältnisse verbessern will, dann hätte eine solche Aufführung in der Provinz in der Tat noch ein größeres Recht als auf einer großstädtischen Bühne. Wer sich aber dem nachbarschaftlichen, fast familienhaften Interesse an den Schicksalen und Verhältnissen der einzelnen Figuren hingibt, mit ihnen in vier Tagen hofft und leidet, auch in scheinbar uninszenierten Passagen auf die kleinen Gesten des Miteinander achtet, der kann reiche Entdeckungen machen. Kirill Petrenko, der junge, noch nicht dreißigjährige Dirigent dieses "Ring", der im Sommer 2002 an die Komische Oper nach Berlin wechselt, hat mit dieser Aufführung, der ersten wohl an vier aufeinander folgenden Tagen seit dem Jahr 1876, mit seinen Musikern eine ungeheure Leistung vollbracht. Es ist ein Vorzug und auch eine quälende Eigenheit dieses kleinen Opernhauses, dass der einzelne Klang weder Raum noch Zeit zu seiner Entfaltung und Durchmischung findet, Wagners Partitur klingt sehr plastisch, muskulös, direkt, ohne die mystischen Vermittlungen, auf die Wagners Idee des überdeckelten Orchestergrabens zielte. So ist, durch die in vier Tagen konzentrierte Erfahrung verstärkt, auch viel Abstoßendes in Wagners Partitur hörbar geworden, das Präpotente, das dauernde Bedeuten-Wollen, der Zwang zur Größe, zudem verschob sich durch die kleinere Besetzung der Holzbläser und auch der Streicher das klangliche Gleichgewicht in Richtung der kernig intonierenden, von Wagner ohnehin oft aufdringlich eingesetzten Blechbläser. Petrenko führt mit großem, dramatisch aufgewecktem, straffem Formbewusstsein durch die Partitur und bindet die einzelnen Sänger hervorragend ein. Mehr noch als für das Repräsentative scheint er sich für die Sänger, für die Beziehungen der Figuren zu interessieren, und so zählen die großen Dialoge, zwischen Wotan und Alberich im "Siegfried", zwischen Siegfried und Mime und vor allem zwischen Sieglinde und Siegmund wohl zu den berührendsten Erfahrungen dieses "Ring". Mehr als eine Deutung oder eine Verständigung über die Kunst ist Wagners "Ring des Nibelungen" in Meiningen eine Erfahrung: Für die Beschäftigten des Theaters, für die Instrumentalisten, für die Sänger, von denen die allermeisten ihre Rollen zum ersten Mal studiert und gesungen haben, und schließlich für das Publikum. Hier kann man erleben, wie es ist, einmal vier Tage ganz einer Oper zu widmen. Dazu gab es Ausstellungen, öffentliche Diskussionen; Hans-Jochen Genzel, der lange Chefdramaturg der Komischen Oper gewesen ist und auch für Meiningen die Dramaturgie übernahm, gab vor jedem Abend eine Einführung. "Wie schade, dass es vorbei ist", sagten am Ende des Ostermontag die Garderobenfrauen. Hatten sie nicht Sonderschichten schieben müssen? "Sicher, aber man hat sich doch kennen gelernt in diesen Tagen ..." Das Publikum war in der Tat reizend. Es ging mit. Es ging den Anregungen der Inszenierung nach. Es feierte die Musiker. Es feierte die Sänger, die meist wirklich ausgezeichnet sangen. Es feierte sogar die Regisseurin. Vor der "Götterdämmerung" gab es noch einmal eine Diskussion mit Christine Mielitz, zu der bestimmt 150 Gäste kamen. Alle hatten sich etwas überlegt. "Kann Wotan wirklich nicht anders, als ein Schurke werden?" - "Was bedeutet es, dass Siegfried eine rote Hand hat?" - "Und Alberich?" - "Warum wird Brünnhilde auf das Lotterbett Erdas umgebettet?" - "Was bedeutet der Januskopf mit Wagner auf der einen Seite und Hrdlicka auf der andern?" - "Sagen Sie ein treffliches Wort zu den Bundesfarben!" - "Finden Sie nicht, dass Wotan seine Würde genommen wird, wenn er die Frauen so schlecht behandelt?" Er behandelt sie schlecht, sagt Christine Mielitz - aber haben Sie seine Verzweiflung bemerkt? Weitere Aufführungen am 1./2./3./4. Juni und 5./6./7./8. Juli. Karten unter Tel.: 03693 - 44650."Wie schade, dass es vorbei ist. Man hat sich doch kennen gelernt in diesen Tagen." Die Meininger Garderobefrauen am letzten Abend des "Ring"
Siegfried im Kreis von Hagens Mannen nach seiner Ermordung am Ende der "Götterdämmerung". |
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